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Ohne Sinn und Verstand

Wissen Sie, warum's Opel so schlecht geht? Ich meine, jetzt mal abgesehen von den üblichen Stammtischmeinungen à la "liegt doch auf der Hand, unfähiges Management" (linker Haken) oder "kein Wunder, der Belegschaft geht's einfach zu gut, den faulen Säcken, den faulen" (rechter Konter). Na? Nicht? Aber ich.

Schuld ist nicht der Standort Deutschland, nicht die Lohnnebenkosten und nicht die Steinkühler-Pause, Schuld ist auch nicht das Management oder der GM-Aktionär, nee, gaaanz kalt. Schuld ist - aufgemerkt nun also! - Schuld ist unser aller Freizeitverhalten.

Unser Freizeitverhalten, der Schlingel: Wer Freizeit hat und das Geld, sie sinnvoll zu füllen, der braucht ein Auto, klar. Aber, und da liegt die Wurzel der Krise bei Opel, er/sie braucht nicht irgendein Auto, sondern ein SUV. Für die hoffnungslos verstaubten Konsum-Verweigerer, die mit dieser Bezeichnung nichts anfangen können, SUV steht für Sports Utility Vehicle, also ein Fahrzeug, das sportlich und nützlich ist, oder vielleicht nützlich für den Sport, möglicherweise auch sportlich für den Nutzen, egal, man sagt sowieso einfach "Eßuwie" und denkt nicht weiter drüber nach. Über die Freizeit hingegen denkt man um so emsiger nach, und füllt sie heute ja denn doch gern mit allerhand Outdoor-Aktivitäten; Mountain-Biking, Hiking, Downhill Racing, Trekking, Snow Shoeing, Walking, Power Walking oder, ganz aktuell, Nordic Walking. Jogging betreibt, nebenbei bemerkt, eigentlich niemand mehr, das hat was miefiges, fast so über wie das Laufen. Am besten, das darf man bitte nicht als anti-amerikanisches Ressentiment missdeuten, machen's die USA vor; da gibt's überhaupt nur Menschen, die mit der Natur auf Du und Du leben, auch in Städten, die doppelt so groß sind wie Hamburg und München zusammen.

Weil Outdoor-Aktivitäten nun aber häufig überraschend anstrengend sind, braucht man als ambitionierter Sportler eine vernünftige Ausrüstung. Das geht los bei der Thermo-Unterwäsche (jetzt, kein Scherz, mit Silber-Ionen drin, das wirkt antibakteriell gegen vorzeitigen Schweißgeruch), dann kommen ein paar Lagen Fleece verschiedenster Machart, schließlich eine Fülle von Gore-Membranen gegen Wind, Regen, Schnee, Übergewicht und Mundgeruch. Das ganze wird mit sinnvollen Details abgerundet, mein persönlicher Favorit derzeit übrigens die "Secret Pocket" auf den Jack Wolfskin-Jacken der gehobenen Preislage. Wenn's dann erstaunlicherweise immer noch anstrengt, dämmert die Erkenntnis, dass man vielleicht am besten den ganzen Stress vermeidet und sich einfach mit dem Ausführen der Ausrüstung in einer bequemen Umgebung begnügt. Der ursprünglich gesuchte Effekt, nämlich das outdoor-sportliche Image, stellt sich ja sowieso nur da ein, wo man auch von den weniger outdoor-sportlichen Zeitgenossen gesehen und bewundert wird, sagen wir mal in der Fußgängerzone. Und zwar am besten Samstag Vormittag, da gibt's am meisten von diesen Stubenhockern, die nicht so out-aktiv sind wie man selbst. Wer sollte einen denn bitte schön mitten in der Wildnis sehen mit all dem teuren Zeug?!? Eben. Niemand. Völlig sinnlos. Wie ein "Touareg" in der Stadt, quasi. Damit kann man dann ja nur irgendwelchen Unfug treiben.

Opels Dilemma ist nun nun nicht etwa, dass man in der deutschen Chefetage seiner Zeit hinterher wäre, sondern dass man ihr voraus war. Jahre, bevor sich der Trend zum Outdoor-Image auch in Deutschland genialerweise auf den Automarkt ausbreitete, wo man richtig Kohle machen kann, kam man, vermutlich ermutigt durch die US-Mutter, mit dem SUV "Frontera" raus. Das war eine schwerfällige, hässlich-eckige, ungemütliche und enge Karre mit einem Haufen sinnloser Details wie fetten Stoßstangen vor dem Kühlergrill (wegen der vielen Büffel in Oberfranken), Dauer-Allrad (wegen der fast 0,4 Prozent unbefestigter Straßen im Saarland) und einem Spritverbrauch jenseits von Gut und Böse. Merken Sie was? Genau so definiert sich heute jedes respektable SUV. Nur waren die Leute damals noch nicht reif für so einen hanebüchenen Unsinn, also floppte der Frontera derart gewaltig, dass man sich, gebranntes Kind, immer noch zurückhielt, als der Trend dann wirklich kam. Dumm gelaufen, das. Während also sämtliche Marken mit immer schwachsinnigeren SUV aufbrachen, den Leuten das Vehikel zur Nicht-Aktivität anzudrehen, entwickelte man bei Opel brav sinnvolle Autochen, die sich naiv an Aspekten wie Raumangebot (ein Astra-Caravan hat zum Beispiel locker ein, zwei hundert Liter mehr als ein Porsche Cayenne) oder Verbrauch (7 statt 15 Liter) orientierten. Damit schreckt man potenzielle Käufer natürlich ab, schließlich suggeriert man ihnen, dass man sie als jemanden durchschaut, der am Wochenende nicht den Kampf mit den Elementen aufnimmt, sondern den mit der Fernbedienung. So wie rund 98 Prozent aller SUV-Fahrer also.

Wenn man drüber nachdenkt, möchte man fast meinen, dass sie die Pleite ja irgendwie verdient haben. Ich meine, Jesses! Wer will schon mit 'nem Agila zum Walking fahren, wenn's für kaum das dreifache Geld auch mit einem doppelt so schweren Touareg geht? Und wie soll man beim Einkaufen mit so einem Wägelchen den hohen Bordstein hochkommen, um auf dem Radweg zu parken?!?

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