[der] Versuch, komplexe Sachverhalte wider besseres Wissen pauschalisierend der -> Volksmeinung angepasst zu nutzen, um ohne eigene Exponierung an -> Popularität zu gewinnen. P. wählt i. d. R. einen -> Buhmann persönlicher oder sachlicher Art als Zielscheibe u. ist begleitet vom beruhigenden Gefühl, von keiner Seite ernstzunehmenden Widerstand erwarten zu müssen. (Haarigs Dt. Wörterbuch)
Populismus ist, über diese Definition hinaus, gesellschaftlich dem politischen Stand zuzuordnen. Perfektioniert hat ihn, wenn auch gegen erbitterte Konkurrenz, die CSU.
Am besten funktioniert der P. für gewöhnlich, wenn man in seinen Äußerungen mal so richtig ungehemmt den unreifen Wünschen des kleinen Mannes das Wort reden darf. Sicheres Kennzeichen für einen Zug, auf den man schleunigst aufspringen sollte, ist die Thematisierung in der "Bild." Das stimmt immer, sei es, weil die, sofern sie nicht dem Politiker ähnlich ihre eigene Grundrichtung gefährdet sieht, die Wünsche des kleinen Mannes formuliert, sei es, weil sie dem kleinen Mann seine Wünsche überhaupt erst vorgibt. Egal, spätestens, wenn's in der "Bild" steht, findet so etwas wie ein medialer Hammelsprung der Politik statt: entweder man ist Pro und gibt das asap möglichst lautstark kund, oder aber man hält zähneknirschend den Rand und überlässt das Feld für dieses Mal den anderen - die nächste Chance kommt bestimmt.
Ein schönes Beispiel dafür war der Aufruhr gegen so genannte Kampfhunde, der von selbst in der öffentlichen Diskussion außergewöhnlich hohem Mangel an Sachkenntnis geprägt war und dazu führte, dass man sich mit immer lauterem Geschrei für noch absurdere Zwangsmaßnahmen ausgeiferte. Der Vernunft waren Hände und Mund geknebelt, weil jeder Versuch, ein bisschen Sinn in den Trend zu bringen, sich sofort dem Verdacht aussetzte, es im Grunde irgendwie zu wollen, dass blutrünstige Monster kleine Kinder zerreißen.
Auch nicht schlecht ist derzeit das Geseier um Höhe und Offenlegung von Managergehältern. Der kleine Mann in uns allen kann sich mal so richtig gegen all die austoben, die immer mit einem M-Klasse-Mercedes auf dem Radweg parken. Dass uns eigentlich weniger der Mercedes stört als vielmehr die Tatsache, dass es nicht unserer ist, wird dabei eisern verdrängt. Und die Politik? Die fährt erstens keine SUV, und zweitens lässt sie auf reservierten Plätzen parken. Also macht sie mit beim allgemeinen Gezeter, parteiübergreifend und homogen sinnlos. Natürlich ist es absurd, dass irgendein Schlips -zig Millionen jährlich kassiert, wenn nicht mal die Bilanzen stimmen; klar ist es unmoralisch, wenn einer im Monat soviel kriegt, wie der Durchschnittsverdiener im ganzen Leben nicht zusammenkratzt. Aber diesen Zustand kann man sinnvoll nur durch bewaffnete Revolution ändern, und die hat dafür so ihre anderen Nachteile. Der Vorschlag, gesetzlich Grenzen zu definieren, ist derart hirnrissig, dass man am besten gar nicht erst gegen ihn an argumentiert. Bleibt also die populär/populistische Idee, wenigstens die Offenlegung zu fordern.
Nur, wozu? Dann weiß man nachher eben, dass einer 27,5 statt 17,5 oder 37,5 Millionen Euro wegsteckt. Aha. Die Zahlen sind sowieso abstrakt und allemal so hoch, dass wir kleiner Mann sie ohnehin nicht fassen können. Schimpfen kann man darüber, aber das geht auch jetzt schon, wie wir sehen, und das war's dann auch schon. Das schwammige Gefühl, wenn wir erst ihre Gehälter kennen, ist das so eine Art Rache für uns arme Schlucker, ist jedenfalls Blödsinn: Kennen heißt nicht ändern. Und damit schließt sich der Kreis: Die Politiker, in der Regel eher gut Freund der großverdienenden Elite des Landes, wissen um genau diese Tatsache recht gut, drum eignet sich das Thema ja so hervorragend für eine sommerlochfüllende Populismus-Welle. Das nimmt der parteispendenfreudige Manager nicht lange krumm, dass man mal eben entrüstet gegen seine dekadente Kaste wettert, Klappern gehört zum Handwerk, man versteht sich - passieren tut ja eh nix. Nachher trinkt man einen kleinen Prosecco zusammen und Schwamm drüber.
Und wir kleiner Mann? Wir haben das dumpfe Gefühl, denen da oben hätten wir's jetzt aber mal so richtig gezeigt, weil die "Bild" todesmutig aufgedeckt hat, dass der Ackermann echt eine üble Menge Kohle eingeschoben hat, ey, 17,5 Millionen oder so. Oder waren's 27,5?



