(Mano Negra, Patchanka/Virgin, 1991) Manu Chao, Gott ja, kennen wir, kennen wir, das war doch dieser niedliche Latino, der vor paar Jahren diesen Sommer-Ohrwurm gemacht hat, und dann gleich zwei ganze Alben draus aufgegossen, konnte man irgendwann nicht mehr so recht hören, war das nicht der? Doch.

Aber, im Gegensatz zum modernen Superstar stammt der Typ nicht aus der Promotion-Retorte, sondern hatte eine Vergangenheit, in der diese komische Zeile "Popa was King of the Congo" schon einmal unübersehbar ihren Platz hatte.
Mitte der 80er hieß Manu noch Manuel und hing in Frankreich ab, wo er mit den Hot Pants Chuck Berry nachspielte und in Projekten wie Los Carayos mit Musikern anderer Alternativ-Bands wie den Garçons Bouchers Punk, Rhythm'n'Blues und Folklore unter einen Hut zu bringen trachtete. Aus den Hot Pants wurde bald La Mano Negra, die in kürzester Zeit über 20 Francs-Konzerte (für den Nachwuchs: das sind sechs Mark oder drei Euro) zu Superstars in Frankreich, Spanien, halb Asien und ganz Südamerika mutierten.
Nur in Deutschland, wie sollte es anders sein, wollte kein Schwein sowas komisches hören. Auf ein Indie-Album folgten drei fette Major-Deals bei Virgin und schließlich der übliche Band-BurnOut. Also mietete man einen umgebauten Frachter und machte eine Abschiedstournée von einem südamerikanischen Hafen zum anderen, die Europäer guckten in die Röhre. Danach Funkstille, bis Chao mit einem Mal wieder auftauchte und die Welt mit besagten Sommer-Hits überrannte.
Zur Sache: "King of Bongo" ist das zweite der Virgin-Alben, das den Wechsel zu weniger lässig hingeschmissener Produktion markierte, und wurde im Kölner Studio von Conny Plank, Gott hab' ihn selig, aufgenommen, der früher bereits mythische Bands wie Zeltinger oder Ultravox unter seinen Fittichen hatte. Chao-typische Spezialitäten wie ungebremstes Mischen und Sampeln von kuriosen Geräuschen und Radiosendungen gab's trotzdem reichlich, aber der eigentliche musikalische Hintergrund kam etwas wuchtiger daher, kein Problem mit meist einem knappen Dutzend experimentierfreudiger Bandmitglieder.
Gleich die Opener Bring the Fire und King of Bongo machen klar, warum Mano Negra eine ganze Generation alternativer Bands beeinflusste: Dampframmen-Bass, reichlich Percussion, schrubbende Gitarren, Bläser, Keyboards, Dub, Punk, you name it - und dazwischen Chaos französisch-englisch-spanischer Gesang, mal näselnd, mal klar - hört sich nach schlimmen Krach an, klingt absolut unwiderstehlich. Dann kommt mit Don't want you no more und Le bruit du frigo etwas swingende Ruhe rein, bis Letter to the Censors musikalisch und textlich Punk-Maßstäbe setzt. So geht's über 14 Stücke munter weiter, bis eine langsame Reprise des eigenen Erstlings Paris la nuit andeutet, dass die Szene in Paris sich selbst überholt hat, vielleicht damals schon ein Anzeichen der bevorstehenden Bandauflösung.
Man soll halt aufhören, wenn's am besten läuft, müsste man vielleicht mal dem Haufen wild reunionierender Altstars erklären, die seit einigen Jahren wieder verstärkt auf die Bühne wanken, um sich dort von einem gnadenlosen Publikum zum Abnudeln ihrer Uralt-Hits zwingen zu lassen. King of Bongo jedenfalls gehört ins gutsortierte Regal, und zwar bevor man bei eBay Manu Chaos Solo-Hits ersteigert!



